Hypnose und Achtsamkeit: Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Synergien im Überblick

Als einer der Väter der modernen Bewusstseinsforschung stellte sich Charles Tart (2016) schon in den 1960er-Jahren die Frage nach den Unterschieden zwischen östlicher Meditation und Hypnose. Dabei stieß er auf die wichtige Unterscheidung zwischen konzentrativen Formen der Meditation und der Einsichtsmeditation. In den Anfängen der Meditationsforschung beschäftigte man sich hauptsächlich mit Zuständen konzentrierter, meditativer Versenkung und glaubte, sie damit fassen zu können, wenn man sie als Zustände tiefer Selbsthypnose erklärte. Tart deutet das als Versuch der westlichen Wissenschaft, das wenige, das man damals über Meditation wusste, zu objektivieren und einzuordnen und damit alles Unbegreifliche »wegzuerklären«.

Für ihn leben wir in unserem Alltag in einer »Konsensus-Trance«, in der wir von Automatismen gesteuert sind, die sich durch ständige Wiederholungen eingeschliffen haben. In der Hypnose wird diese »Konsensus-Realitäts-Orientierung« vorübergehend ausgeblendet, sodass wir uns für Neues öffnen. Inspiriert vom »vierten Weg« (Ouspensky 2013) des spirituellen Lehrers Georges I. Gurdjieff sieht er die Achtsamkeit als Vehikel, um aus diesem automatischen Leben ohne Bewusstheit zu einer bewussten Existenz »aufzuwachen«. Tart hat im Labor von Ernest Hilgard gearbeitet, vertritt aber keinen therapeutischen Zugang. Er ist trotzdem der Auffassung, es sei sinnvoll, sowohl Hypnose als auch die Einsichtsmeditation für sich zu nutzen.

Mit Hypnose oder Selbsthypnose können wir unsere Gedanken und Gefühle besser organisieren. Mithilfe der Einsichtsmeditation begeben wir uns auf Ebenen jenseits der Gedanken und Gefühle und berühren etwas Tieferes in uns, womit wir uns der Realisierung unseres ganzen Potenzials nähern.

Hypnose und ein achtsamkeitsbasiertes Vorgehen haben viel gemeinsam. Sie sind so verwandt und zugleich doch so unterschiedlich, dass sie einander gut ergänzen. Das ist die Grundthese, die dieses Buch wie ein roter Faden durchzieht. Spontane Zustände von Trance und Achtsamkeit kommen auf natürliche Weise in mehr oder weniger ausgeprägter Form bei allen Menschen vor. Sowohl Zustände von Trance als auch von Achtsamkeit können zu Zwecken der Heilung bewusst hervorgerufen werden. Insofern blicken beide auf eine jahrtausendealte Tradition zurück und haben zugleich ihren Platz in der modernen Psychotherapie.

Trance und Achtsamkeit sind höchst komplexe Phänomene, denen man am ehesten durch eine multiperspektivische Betrachtungsweise gerecht wird. Einheitliche und übereinstimmende Defi nitionen sind bei beiden nicht zu finden. Eine Schnittmenge ergibt sich, wenn man beide als Bewusstseinszustände versteht, die sich vom Alltagsbewusstsein unterscheiden und die man im Rahmen von Psychotherapien nutzen kann.

Die Prinzipien, die bei der Anwendung von Trance und Achtsamkeit wirksam werden, überschneiden sich. Da ist zunächst die Aufmerksamkeitslenkung, die bei der Induktion beider Zustände eine Rolle spielt. Bei der Hypnose engt sich das Feld der Aufmerksamkeit ein und intensiviert das Erleben dessen, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet. Die in Trance befindliche Person ist in der Regel ganz von ihrem inneren Erleben absorbiert, das sich manchmal intensiver, lebendiger und realer anfühlt als das Leben im Alltagsbewusstsein. Dies führt dazu, dass in der Regel kein Bewusstsein darüber besteht, dass man in Trance ist.

Auch im Rahmen der Achtsamkeitspraxis kann sich das Feld der Aufmerksamkeit bei bestimmten Übungen auf ein Objekt konzentrieren und damit einengen. In ihrem Kern führt Achtsamkeit aber zu einer Erweiterung des Aufmerksamkeitsfeldes. Das schließt wesentlich mit ein, dass man sich nicht nur des Objekts der Beobachtung bewusst ist, sondern sich zugleich aus einer Metaposition auch dessen bewusst ist, dass man beobachtet.

In der Hypnose werden zwei Wahrnehmungsperspektiven unterschieden: Unsere übliche Perspektive ist eine egozentrische. Wir erleben etwas assoziiert, wenn wir als wahrnehmendes Zentrum der Welt unseren Körper innerhalb der Grenzen unserer Haut spüren, aus unseren Augen in die Welt hinausschauen und mit unseren Ohren hören, was rund um uns herum hörbar ist. Im Gegensatz dazu versteht man unter dissoziiertem Wahrnehmen, wenn man sich wie von außen sieht und sich selbst zuschaut, wenn man darüber nachdenkt, wie es einem wohl geht, oder wenn man von sich in der dritten Person spricht.

In der Achtsamkeit werden beide Positionen verbunden, indem man teilhabend beobachtet. Man nimmt wahr und spürt wie im assoziierten Erleben, schaut sich aber zugleich dabei zu. Der Wirkmechanismus, der das ermöglicht, heißt Disidentifikation. Die Vorstellung eines inneren Beobachters hilft dabei, dieses gleichzeitige Erleben zu vermitteln und anzuregen.

Der nächste allgemeine Wirkfaktor der Psychotherapie, der sowohl in der Hypnose als auch beim achtsamkeitsbasierten Vorgehen eine Rolle spielt, ist die sog. Problemaktualisierung. Der Zugang zum Erleben erfolgt jedoch in den beiden Methoden auf unterschiedliche Weise: bei der Hypnose zumeist top down, bei der Achtsamkeit primär bottom up.

Eine Anleitung in der Hypnose könnte lauten: »Versetzen Sie sich einmal in die Situation, in der sich das gezeigt hat, was Sie bearbeiten wollen. Welche Bilder tauchen auf, was sehen Sie, was hören Sie, wie ist die Szene?« Der primäre Zugang zur Erfahrung erfolgt meist über szenische Imaginationen »top down«. D. h., bei der Vorstellung wird in der Gehirnrinde ein bestimmtes Erregungsmuster aktiviert, das sich auch körperlich, etwa auf muskulärer Ebene, auswirkt. Auch wenn manchmal mit den körperlichen Komponenten des Zustandes weitergearbeitet wird, erfolgen in der Hypnose die Neukonstruktionen von Erinnerungen oder eine Progression in die Lösung meist dissoziiert auf der imaginativen Ebene. Die Anregung eines assoziierten Erlebens des Lösungszustandes erfolgt oft erst als Abschluss am Ende der Trance.

In der Achtsamkeit wird dem Körper eine besondere Bedeutung zugemessen. Zumeist dient er als primärer Ausgangspunkt. »Spüren Sie nach, wie sich Ihr Körper in dieser Situation angefühlt hat. Wo ist dieses Gefühl im Körper am ehesten lokalisiert? Wo ist er angespannt, welche Bewegungsimpulse melden sich?« Wenn man dann danach fragt, welche Bilder zu diesem körperlichen Aktivierungsmuster auftauchen und welche Erinnerungen, dann läuft die Erregung vom Körper ausgehend »bottom up« zur Hirnrinde. In der Hypnose findet sich ein analoges Vorgehen in der sog. »Affektbrücke«.

Im Folgenden wird davon ausgegangen, dass es sinnvoll ist, beide Zugangswege zu nutzen und zwischen ihnen hin- und herzupendeln. Was bewirken die inneren Bilder, Gedanken und Erinnerungen im Körper? Welche inneren Bilder, Gedanken und Erinnerungen werden durch bestimmte Körperhaltungen, bestimmte muskuläre Erregungsmuster, bestimmte vegetative Erregungszustände oder die Fokussierung auf bestimmte Körperteile, Körperempfi ndungen oder Körperfunktionen ausgelöst? Wie wirken sich diese inneren Bilder und Gedanken dann wiederum auf den Körper aus? Die Arbeit an diesen Wechselwirkungen zwischen »Körper und Geist« (body and mind) zeichnet ein achtsamkeitszentriertes Vorgehen aus.

Aber nicht nur Probleme können aktualisiert werden. Sowohl Hypnose als auch Achtsamkeit eröffnen Zugänge zu Ressourcen und realisieren damit den Wirkfaktor der Ressourcenaktivierung. Die Übung zur Selbsthypnose und die Achtsamkeitspraxis können dazu verhelfen, bestimmte adaptive und heilsame Zustände fl exibel aufzusuchen.

Beide leisten bei der Emotions- und Selbstwertregulation wertvolle Dienste. Die Fähigkeit, in Trance zu gehen und dabei die Welt und sich selbst auf eine gewünschte Weise verändert zu erleben, ist eine wertvolle Ressource. Auch die Achtsamkeit wird zur Ressource, wenn man sie als Fähigkeit betrachtet, auch in schwierigen Situationen im neugierigen, wohlwollenden, akzeptierenden und zugleich teilhabenden Beobachten verweilen zu können – ohne primär etwas verändern zu müssen.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Hypnose und Achtsamkeit liegt im Umgang mit unwillkürlichen und automatischen Vorgängen. In der Hypnose liegt der Fokus auf unwillkürlichen Prozessen mit der Absicht, diese im Sinne der Heilung zu nutzen. Durch ein zieldienliches Reframing können Symptome und andere spontan auftretende, unwillkürliche Prozesse, aber auch bewusst evozierte Trancephänomene utilisiert werden.

In der Therapiestunde zielt die Achtsamkeitspraxis zunächst darauf ab, unwillkürliche und automatische Prozesse zu bemerken und zu erforschen. Man erlangt Einsichten in die Entstehung von Leiden, wodurch sich neue Möglichkeiten eröffnen. Wenn Zustände von Achtsamkeit dann auch im Alltag selbstverständlicher werden, kann man immer früher bemerken, wenn sich
dysfunktionale Automatismen im Verhalten durchzusetzen drohen.

Eine Achtsamkeitspraxis erhöht die Fähigkeit, innezuhalten und zu erkennen, welches »Programm« gerade läuft. Diese Erkenntnis eröffnet die Möglichkeit, gleichsam die »Reset-Taste« zu drücken. Im Zustand der Achtsamkeit lässt sich aus einer umfassenderen Wahrnehmung der Situation leichter erkennen, welches Programm angemessen wäre. Eine »Selbsthypnose« kann dieses Programm dann aktivieren.

Wenn solche Programme, d. h. für bestimmte Situationen angemessene Verhaltensbereitschaften, bei einem Klienten noch nicht vorhanden sind, ist es notwendig, neue Verhaltensweisen zu bahnen und zu automatisieren. Die Hypnose stellt dazu ein reiches Repertoire zur Verfügung. In der Computerwelt spricht man von Bugs und Patches. Als Bugs (Fehler, Käfer) werden Fehler in Programmen bezeichnet, als Patches (Flicken, Pfl aster) kleine Subprogramme, die man herunterladen kann, um Fehler zu beheben, aber auch, um ein Programm mit neuen Möglichkeiten auszustatten. So gesehen würde Achtsamkeit dazu beitragen, die Bugs zu erkennen. Mittels Hypnose werden dann die passenden Patches entwickelt, in die alten Programme integriert und wiederum automatisiert (Metten 2012).

Auszug aus „Hypnose und Achtsamkeit“ (Carl-AuerVerlag 2018)