Um die Achtsamkeit Müttern und Vätern schon in der Schwangerschaft und vor der Geburt näherzubringen beschloss die Hebamme Nancy Bardacke (2013) in einem Retrat mit Jon Kabat-Zinn Achtsamkeitspraxis in ihre Geburtsvorbereitungskurse einzubauen. Sie entwickelte das Mindfulness Based Childbirth and Parenting Programm (MBCP) und erreichte damit, das sich der Distress rund um die Geburt verringert und das Wohlbefinden steigert (Duncan & Bardacke 2010; Dunn et al. 2012).

Aus bei den weiteren Herausforderungen des Eltern-Seins kann eine Achtsamkeitspraxis unterstützend wirken.

Ebenso wie es uns helfen kann, unsere Aufgabe als Eltern besser zu erfüllen und gleichzeitig selbst innerlich zu wachsen, wenn wir uns vorstellen, unsere Kinder wären kleine Buddhas oder Zen-Meister, kann es auch hilfreich sein, wenn wir unser Leben in der Familie als eine außergewöhnlich lange Meditationsklausur verstehen – als eine Chance zu tiefer innerer Arbeit, von der sowohl unsere Kinder als auch wir selbst dauerhaft profitieren können (Kabat-Zinn M. & J. 2011, S. 104).

Susanne Bögels aus Amsterdam hat mit zwei Mitarbeiterinnen ein 8-Wochen-Programm entworfen – Mindful Parenting (Achtsamkeit und Selbstfürsorge für Eltern) – das Eltern anbietet, Achtsamkeit im Umgang mit ihren Kindern und sich selbst in den Alltag zu integrieren. Im Vorwort zum Buch (Bögels & Restifo 2014) schreibt Jon Kabat-Zinn dass „Achtsamkeit“ (mindfulness) immer eine „Achtsamkeit des Herzens“ (heartfulness) impliziere (S. 14). So sind im Programm viele Übungen zur Kultivierung von Liebender Güte und Selbstmitgefühl enthalten. Sie dienen unter anderem dazu, sich selbst überall dort mitfühlend zu begegnen, wo Eltern den hohen eigenen Ansprüchen oder jenen der anderen, die genau wissen zu scheinen, wie man Kinder erzieht, nicht gerecht werden. Darüber hinaus zielt das Programm darauf ab, den Eltern die in ihnen durch ihre Kinder getriggerten Schemata bewusst zu machen, jene automatischen Reaktionsmuster, die sie selbst in der Interaktion mit ihren eigenen Eltern erworben haben. Die Autorinnen des Programms beziehen sich dabei sowohl auf die in der Schematherapie beschriebenen Schemamodi als auch auf die „Geisteszustände“ in der buddhistischen Literatur. Die Achtsamkeitspraxis der Eltern hilft diesen dabei, nicht nur ihre Gedanken als Gedanken, sondern auch ihre Geisteszustände als Geisteszustände zu erkennen und sich dadurch aus der Identifikation mit ihnen bzw. den Schemamodi bzw. Persönlichkeitsanteilen zu lösen.

Als Wirkmechanismen ihres Programms postulieren Bögels und ihre Mitarbeiterinnen (2010) folgende: Die Integration der Achtsamkeit in den Alltag reduziere Stress und Reaktivität; verringere die Limitierungen durch die eigene Psychopathologie oder die des Kindes; sie erweitere die Handlungsfähigkeit bei Impulsivität; unterbreche die Zyklen transgenerationaler Weitergabe von dysfunktonalen Erziehungsmodellen und Gewohnheiten; erhöhe eine selbstfürsorgliche Form der Aufmerksamkeit und habe positive Auswirkungen auf die Paarbeziehung der Eltern und ihre gemeinsame Elternschaft.

Die Mütter und Väter von kranken Kindern und von Kindern mit Behinderung sind über die Herausforderungen des Eltern-Seins hinaus noch mit speziellen Aufgaben konfrontiert. Die Arbeitsgruppe um Nirbhay Singh arbeitete jeweils im Einzelsetting mit vier Müttern mit vier bis sechsjährigen Kindern, deren Entwicklungsalter zwischen acht und dreißig Monaten lag. Nach 12 Sitzungen, in denen die Prinzipien der Achtsamkeit in der Familie nach Myla und Jon Kabat-Zinn (2011) vermittelt wurden bzw. im Follow-up zeigte sich eine Verringerung des aggressiven Verhalten der Kinder, während ihre sozialen Fähigkeiten zunahmen. Die Mütter hatten weniger Stress, und waren mit sich als Eltern zufriedener.

Oft ist es sinnvoll, mit den Eltern und mit den Kindern parallel zu arbeiten. Beispielhaft herausgegriffen sei dafür eine Studie, in der Kinder mit Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Defizit-Syndrom (ADHS) mit einem achtsamkeitsbasierten Programm behandelt wurden und die Eltern das Programm zum Mindful Parenting durchliefen (van der Oord et al. 2012).

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