Achtsamkeit bei Schmerzen


„Sie werden lernen müssen, damit zu leben.“ Diese Worte bekommen viele Schmerzpatienten nicht selten zu hören, wenn die Möglichkeiten der Medizin ausgeschöpft sind. Das Achtsamkeitsprogramm hilft diesen Patienten dabei, sich selbst zu lehren, wie sie mit chronischen Schmerzen leben können. So begründet im Jahr 1982 Jon Kabat-Zinn die Entwicklung seines achtsamkeitsbasierten Programms, damals noch unter dem Namen „Stress Reduction and Relaxation Programm“. Es würde als Auffangnetz für jene Patienten dienen, die im üblichen Gesundheitssystem durch den Rost fallen, jene die von der Behandlung nicht profitieren oder nach längerer Zeit mit den Ergebnissen der traditionellen medizinischen Behandlung unzufrieden sind. Sein Programm baue darauf, systematisch die inneren Ressourcen der Patienten zu entwickeln. Es sei eine willkommene Alternative für motivierte Patienten und eine sinnvolle Möglichkeit für das medizinische Personal, den Patienten etwas anbieten zu können.

Dreißig Jahre später weist Stefan Schmidt (2012) von der Freiburger Arbeitsgruppe in eine ähnliche Richtung, wenn er Musterunterbrechung als einen wesentlichen Wirkmechanismus von achtsamkeitsbasierten Therapien bei chronischen Schmerzen beschreibt: Sie unterbrechen zwei in der medizinischen Versorgung stets vorhandene Muster von Annahmen: (1.) Heilung kommt immer von außen und durch ein starkes Mittel; (2.) Man müsse nur den richtigen Arzt, am besten eine Koryphäe auf seinem Gebiet, das richtige Medikament, oder die richtige Operation finden. Die Anwendung von Achtsamkeit betont im Gegensatz dazu jenen Teil der Verantwortung, die beim Patienten selbst liegt; sie betont seine eigenen Möglichkeiten, etwas zur Linderung seiner Leiden beizutragen. MBSR-Leiter und Therapeuten bestärken ihre Patienten darin, ihre Innenwelt zu erkunden und auf Basis dieser Entdeckungen sich selbst als die entscheidende Größe zu betrachten.

Studien

  • Eine Metastudie, die großteils andere Studien einschließt, kommt anhand der Analyse von elf Studien zu dem Ergebnis, dass die Effektivität achtsamkeitsbasierter Verfahren bis jetzt nur eingeschränkt nachgewiesen sei (Bawa et al 2015) [CrossRef]
  • In einer Pilotstudie mit 12 Patienten mit chronischen Schmerzen reduzierten sich nach einem neunwöchigen Programm zur Kultivierung von Mitgefühl die Schmerzstärke und die Wut. Die Teilnehmer konnten den Schmerz besser akzeptieren (Darnall 2015) [CrossRef]
  • Schütze et al (2014) Ein achtsamkeitsbasiertes Programm (MBFT Mindfulness Based Functional Therapy) hilft bei Rückenschmerzen [CrossRef]
  • Reiner et al (2013) beziehen auch Studien ohne Kontrollgruppe und solche mit Akzeptanz- und Commitmenttherapie mit ein, sie referieren 16 Studien. In zehn von den sechzehn Studien – acht kontrollierte und acht ohne Kontrollgruppe – fand sich bei achtsamkeitsbasierten Interventionen eine signifikante Abnahme von Schmerzen. Die Reduktion war in sechs von acht Studien größer als in der Kontrollgruppe und blieb auch im Follow-Up erhalten [CrossRef][pdf-download]
  • Schmidt S (2012) Achtsamkeit bei Schmerzen. In: Zimmermann M, Spitz C, Schmidt S (Hrsg) Achtsamkeit. Ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft. Bern: Huber, S. 115-134
  • Chiesa und Seretti (2011) geben eine Übersicht über 10 Studien mit Kontrollgruppendesign, die hauptsächlich die Wirkung von MBSR und MBSR-ähnlichen Programmen untersuchten.  [CrossRef][pdf-download]
  • Achtsamkeitstraining reduzierte Schmerz, Veränderungen in verschiedenen Gehrinregionen wurden nachgewiesen: Kontralateraler primärer somatosensorischer Cortex, vorderer cingulärer Cortex, vordere Insel, thalamische Deaktivierung (Zeidan et al 2011) [abstract]
  • Achtwochenprogramm bei 27 über 65jährigen mit chronischen Rückenschmerzen wurde qualitativ evaluiert. Verwendung unterschiedlicher Strategien: Ablenkung, bessere Körperwahrnehmung führt zu Verhaltensänderung, bessere Schmerzbewältigung, direkte Schmerzreduktion durch Meditation. Verbesserte Aufmerksamkeitsleistung, besserer Schlaf, bessere Stimmung (Morone et al 2008) [PubMed][pdf-download]
  • MBSR bei Fibromyalgie mit drei-Jahres Follow-up: Verbesserungen der Lebensqualität, der Krankheitsbewältigung, positive Affekte, weniger Angst und Depression (Grossman et al 2007) [CrossRef]
  • ACT bei Schmerz (Dahl et al 2004) [CrossRef][pdf-download]
  • Chronischer Schmerz verschiedener Lokalisation (Kabat-Zinn et al 1984) [CrossRef]
  • Kabat-Zinn J (1982) An Outpatient Program in Behavioral Medicine for Chronic Pain Patients Based on the Practice of Mindfulness Meditation: Theoretical Considerations and Preliminary Results. Gen Hosp Psychiatry 4(1): 33–47 [abstract]
  • Schmerz und spirituelles Wachstum (Shinzen Young)
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