Hypnose und Achtsamkeit in der Psychoonkologie

Unser neues Buch ist am 16. September erschienen:

Cover Buch

Seite des Carl-Auer Verlags zum Buch mit Möglichkeit zum “Blick ins Buch”


Interview von Matthias Ohler mit Hansjörg Ebell und Michael Harrer in Sounds of Science


Gedanken zur Entstehung und zum Inhalt des Buches

Die Fertigstellung des Manuskripts fiel in die Zeit des Abschieds von meiner (Michael E. Harrer) psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis in Innsbruck am Ende des Jahres 2020. Das Durchschauen meiner Aufzeichnungen aus den letzten 35 Jahren meines Arbeitslebens führte mir vor Augen, dass einige Fäden, die sich durch mein Berufsleben zogen, in unserem Buch wie zu einem Teppich verwoben werden: Die Fäden der Kommunikation in der Onkologie, der Hypnose, einer biopsychosozialen, dialogischen und beziehungsorientierten Medizin, der Achtsamkeit und meine Suche danach, was in Psychotherapien wirkt.

Offene Kommunikation, Dialog und Ermöglichen von Dialogen

Der erste Faden ist jener der Kommunikation in der Onkologie. In meiner Ausbildung zum Allgemeinmediziner litt ich unter der Sprachlosigkeit, die sich häufig rund um Krebskranke ausbreitete. Unterstützt durch eine Balintgruppe (Prof. Loewit) lernte ich den Wert eines offenen Beziehungsangebots und die „Pharmakologie der Droge Arzt“ kennen und suchte den Dialog. Damals war es noch keineswegs selbstverständlich, Patienten über ihre Krebs-Diagnose zu informieren. Ich erlebte schmerzlich mit, wie Menschen dadurch die Möglichkeit genommen wurde, sich auf ihr Sterben vorzubereiten. Ich suchte Orientierung und fand sie auf Tagungen der in 1980er Jahre gegründeten deutschen und österreichischen Psychoonkologischen Gesellschaften (dapo und ÖGPO). Ich wurde ermutigt, mich im Bereich der Psychoonkologie zu engagieren, gründete eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema, begann dann in meiner Ausbildung zum Psychiater einen Liaisondienst auf einer hämatologisch-onkologischen Ambulanz (Prof. Heinz Huber), leitete eine Gesprächsgruppe (gem. mit Helmut Schneider und Gabi Schiessling) und hielt Vorträge und Seminare zur „Wahrheit am Krankenbett“. Im Jahr 1989 war die von mir mitgegründete psychosoziale Beratungsstelle „netzwerk_krebs“ eine der ersten dieser Art in Österreich. Von Beginn an war uns die interdisziplinäre Kooperation ein großes Anliegen, sodass sich die im netzwerk über viele Jahre angebotenen Curricula (anfänglich gem. mit Christine Centurioni, später mit Gerda Felder) an alle in der Onkologie tätigen Berufsgruppen richteten und ich v. a. im Rahmen der Österreichischen Krebshilfe Vorarlberg Seminare anbot, in denen Ärzte gemeinsam mit Pflegepersonen Diagnosemitteilungsgespräche einübten.

Milton Erickson, Hypnosystemische Therapie, Imagination und Trance

In der Zeit meiner ersten psychoonkologischen Gehversuche fand sich auf vielen Nachtkästchen von Patienten das Büchlein „Wieder gesund werden“ (Carl O. Simonton 1982). So war oft Anleitung zum „richtigen“ Imaginieren gefragt. Während der Chemotherapie Tonträger mit individualisierten Trancen zur Verfügung zu stellen, war ein weiterer Beitrag zur psychoonkologischen Versorgung. Bei der Suche nach einem Verfahren zur vertiefenden Arbeit mit Imaginationen landete ich bei der Katathym Imaginativen Psychotherapie. Meine damaligen Erfahrungen mit Entspannung und Imaginationen wurden unter dem Titel „Sonnen durchfluten meine Blutbahnen“ publiziert (Harrer u. Centurioni 1991).

Parallel dazu war ich u. a. auf dem Ersten Europäischen Kongress für Hypnose und Psychotherapie nach Milton H. Erickson 1989 in Heidelberg fasziniert von der Vielfalt dessen, was unter dem Dach ericksonianischer Therapie Platz findet. Mich sprach vor allem ihr Menschenbild an, die Betonung des Gesunden in jedem Menschen, von Potenzialen und Ressourcen und dass es einer individuell maßgeschneiderten Therapie bedarf, um der Einzigartigkeit jedes Menschen gerecht zu werden. Genau daran sollte mich ein Porträt Milton Ericksons erinnern, das seit 1991 – der Eröffnung meiner Praxis – dort an der Wand hing. Meine weitere Entwicklung wurde wesentlich auch durch Seminare mit Gunther Schmidt und seinen Kassetten der Autobahn-Universität und seinem hypnosystemischen Vorgehen geprägt.

Auf dem Weg zum Lehrtherapeuten für Hypnosepsychotherapie (ÖGATAP) begegnete ich 2006 als Co-Leiter Hansjörg Ebell und seiner Arbeit mit Ideomotorik. In seiner inneren Haltung fand ich vieles von dem wieder, was auch für mich wichtig und wertvoll war.

Biopsychosoziale Medizin und Betonung einer heilsamen Beziehung in Medizin und Psychotherapie

Gleich am Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit hatte ich die Möglichkeit, eine Balint-Gruppe zu besuchen und die Bedeutung der „Droge Arzt“ und der „Beziehungsgeschichten“ zu erkennen, die sich zwischen Ärzten und Patienten entwickeln. Von meinem Lehrer Wolfgang Wesiack – einem Weggefährten Thure v. Uexkülls – verinnerlichte ich vor allem das biopsychosoziale Modell, das Bewusstsein über die verschiedenen individuellen Wirklichkeiten von Arzt und Patient und die Bedeutsamkeit der individuellen Bedeutungsgebungen. Besonders einleuchtend war mir sein „diagnostisch-therapeutischer Zirkel“, dass ein immer umfassenderes Erkennen und Verstehen des Patienten auf allen Ebene zugleich auch therapeutisch wirkt und dass umgekehrt jede Intervention auch wieder zu neuen Einsichten führt. Die Idee, dass auch die Resonanz des eigenen Unbewussten zu Heilungsprozessen beiträgt, verfolgten wir unter anderen mit „Gegenübertragungsimaginationen“ (Harrer u. Centurioni 1993). Durch viele Rückmeldungen durfte ich erfahren, welchen Wert für leidende Menschen allein schon eine mitmenschliche und mitfühlende Präsenz, ein offenes, vorurteilsfreies Ohr und ein verstanden werden hat.

Auf der anderen Seite erlebte ich viel unnötig Leidvolles, wenn Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten nicht auf eine Weise gelang, wie es notwendig und wünschenswert gewesen wäre. Insofern war mir die Ausbildung der kommunikativen Fähigkeiten von Ärzten immer ein großes Anliegen, etwa im Rahmen der österreichischen Psy-Diplom-Ausbildungen. In diesem Bereich blieb eine Studie zu Therapieabbrechern in der Onkologie ebenso unvollendet wie Längsschnitterhebungen zur Todesfurcht von Medizinstudenten zu Salutogenese und Kohärenzsinn bei Menschen mit Krebserkrankungen. Im Sinne einer möglichst umfassenden Sicht auf den Menschen liegt die explizite Einbeziehung von Spiritualität und Religion und die Erweiterung des biopsychosozialen Menschenbildes zu einem bio-psycho-sozio-spitituellen Menschenbild nahe (Harrer 2001). Es bezieht auch den kulturellen Hintergrund mit ein.

Achtsamkeit als Zustand und heilsame Haltung

Die Arbeit mit krebskranken Menschen erinnerte mich immer wieder an die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und somit auch an den unwiederbringlichen Wert des Augenblicks. Ich erinnere mich noch gut, wie einer meiner ersten Patienten davon erzählte, dass er seit seiner Erkrankung wieder den Gesang der Vögel höre, der die Jahre zuvor seiner Aufmerksamkeit total entgangen war.

Viele spontane Berichte und Erfahrungen von Patienten erinnerten mich an Anleitungen zu Achtsamkeit, denen ich Anfang 2000 begegnete. Der Faden der Achtsamkeit fand seine Anfang allerdings schon zu Zeiten meines Medizinstudiums, als ich in körperorientierten Selbsterfahrungsgruppen Meditation und östlichen Meistern begegnete. Unmittelbar vor meiner Praxiseröffnung besuchte ich einen Ashram in Indien, in dem Meditation mit Psychotherapie und Körpertherapien verbunden wurde. Und wieder war es das Menschenbild – einer jedem Wesen innewohnenden „Buddha-Natur“ – das es in mir weiter werden ließ. So hing in meiner Praxis oberhalb von Milton Erickson eine Inschrift: „Right Remembering“ – die ich damals so verstand, dass es im Leben und auch in Therapien darum ginge, mich an den eigenen heilen Wesenskern zu erinnern und auch an jenen von meinen Patienten.

Nach der Jahrtausendwende bekam die Achtsamkeit auch Platz im Rahmen der Psychotherapie. So entschloss ich mich, noch eine Hakomi Ausbildung zu machen, einer achtsamkeitszentrierten, psychodynamischen Körper-Psychotherapiemethode. Was ich dort von Halko Weiss und Helga Holzapfel gelernt habe, prägte meine Sicht auf die Achtsamkeit. Durch die Arbeit an Buchprojekten zu diesem Thema verschob sich mein persönlicher Schwerpunkt von der Psychoonkologie hin zur Achtsamkeit. Die Beschäftigung mit dem buddhistischen Weltverständnis bereicherte meine Möglichkeiten im Umgang mit Leiden. Danach gehören Vergänglichkeit, Krankheit, Altern und Tod zum Menschsein, gegen das es nicht unnötig anzukämpfen, sondern mit dem es zu leben gilt. Eine Sichtweise, die mir auch bei meinem eigenen älter werden hilft.

Beschäftigung mit der Frage, was in der Therapie wirkt

Im Rahmen eines gemeinsamen Buchprojekt mit Halko Weiss zu den „Wirkfaktoren der Achtsamkeit“ beschäftigte ich mich über viele Jahre intensiv damit, was grundsätzlich in Psychotherapien wirkt und welche Rolle die Achtsamkeit dabei einnehmen kann. Einen Schwerpunkt bildet die Achtsamkeit des Therapeuten und ihr Beitrag für eine heilsame Gestaltung eines Kontextes, in dem sich der Patient entwickeln und entfalten kann. Bei meinen Recherchen stieß ich auch auf die sog. generischen Prinzipien von Günter Schiepek, der mein Interesse für komplexe nichtlineare dynamische Systeme weckte. In Kombination lehrten Halko Weiss und Günter Schiepek Bescheidenheit und Demut gegenüber den eigenen Beiträgen zur Therapie. Auf der anderen Seite stärkten sie mein Vertrauen in den Prozess eines gemeinsamen Forschens, Findens und Erfindens, des Differenzierens und Integrierens und der damit verbundenen Prozesse der Selbstorganisation.

Störungsspezifische standardisierte Vorgehensweisen auf der Basis eines in medizinischen Modellen beheimateten linear kausalen Denkens scheinen mir der Komplexität biopsychosozialer Systeme nicht angemessen. Mich interessieren vielmehr die allgemeinen und grundsätzlichen Prinzipien, wie man Menschen in Veränderungsprozessen unterstützen kann und dabei insbesondere die Beiträge von Achtsamkeit und Hypnose (Harrer 2018).

Integration in diesem Buch

So kam es gleichsam wie gerufen, als Hansjörg Ebell mich fragte, ob ich mit ihm gemeinsam ein Buch zum Thema Hypnose in der Psychoonkologie schreiben möchte, in dem wir unsere Erfahrungen zusammentragen. Im Laufe des gemeinsamen Prozesses wurde deutlich, dass sich vieles von dem, was meinem Co-Autor am Herzen liegt, mit Konzepten rund um Achtsamkeit fassen lässt, wie etwa der innere Zustand des Patienten während der Arbeit mit Ideomotorik oder die Haltung des Therapeuten mit seiner mitfühlenden, mitmenschlichen und zugleich professionellen Präsenz. Das was ich in therapeutischen Beziehungen als Arzt und Psychotherapeut selbst anstrebte und immer zu vermitteln suchte, fand ich mit dem Begriff der Resonanz sehr treffend beschrieben. Insofern trifft sich seine Begeisterung für eine „resonanzbasierte Medizin“ mit einem meiner Herzensanliegen.

Ich freue mich, dass nahezu alle wesentlichen Fäden, die mich in meinem Berufsleben leiteten, gemeinsam mit den Fäden von Hansjörg Ebell das Gewebe unseres Buch ergeben. Wir versuchen zu vermitteln, worum es uns geht: Menschen in ihrem individuellen Leiden und in der existenzielle Dimension ihrer Krebserkrankung abzuholen, sie aber zugleich mit ihren gesunden Anteilen wahrzunehmen und als ganze Person zu würdigen. Mit ihnen zu ihrem Wohl zu kommunizieren und zu kooperieren. Sie als sinnsuchende Wesen zu begreifen, die ihr Leben auch unter schwierigen Bedingungen mitgestalten, zumindest indem sie den Fokus ihrer Aufmerksamkeit wählen und ihren Tagen Leben und Sinn hinzufügen. Ihren inneren Stimmen Gehör zu verschaffen, sich daran zu erinnern was ihnen wichtig und wertvoll ist und sie lebendig werden lässt. Zuversicht zu vermitteln, dass ein sinnerfülltes Leben und Entwicklung bis zum letzten Atemzug möglich ist.

Ich bin dankbar, dass uns der Carl Auer Verlag die Gelegenheit gegeben hat, dieses Gewebe mit all jenen zu teilen, die in Onkologie und Psychoonkologie krebskranken Menschen begegnen. Möge es zu deren Wohl und dem ihrer Patienten beitragen.

Michael E. Harrer

Literatur

Harrer M, Centurioni C (1991) Sonnen durchfluten meine Blutbahnen – Entspannung und imaginative Verfahren in der Betreuung Krebskranker. In: Österr. Ges. f. Psychoonkologie (Hrsg) Jahrbuch der Psychoonkologie. Wien: Facultas. S 65-82 [download]

Harrer M, Centurioni C (1993) Integration imaginativer Techniken bei Malignompatienten. In: Leuner H et al (Hrsg) Katathymes Bilderleben in der therapeutischen Praxis. Stuttgart, New York: Schattauer. S 131-136

Harrer M (2001) Spiritualität und Gesundheit. Das bio-psycho-sozio-spirituelle Menschenbild. Psychopraxis Psychopraxis 7: 20-26 [download]

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